Präsupposition – Nutzen und Gefahren

Katze

wirkungsvolle Sprachmuster unter der Lupe

Eines der für mich interessanteren Sprachmuster ist die Präsupposition, was „Vorannahme“ bedeutet. Wer sich mit Hypnose, hypnotischer Kommunikation, Rhetorik und Sprachmustern beschäftigt, wird früher oder später auch auf dieses faszinierende Phänomen stoßen.

Es ist eigentlich niemandem wirklich neu, denn jeder benutzt es in der ganz alltäglichen Sprache. Den Wenigsten ist es allerdings bewusst, ganz zu schweigen von den spannenden Möglichkeiten, welche dieses Muster bietet – je nach Verwendung zu unserem Vor- oder Nachteil.

Was ist eine Präsupposition?

Eine Präsupposition ist eine implizite Voraussetzung, die explizit eben nicht vorher erwähnt wurde.

Was bedeutet das genau? Das heißt, dass eine bestimmte Aussage nur dadurch Sinn macht, dass der Hörer oder Leser sich ein Stück des Sinns oft unmerklich selber erschließt.

Eine schöne Beschreibung ist für mich auch, dass Informationen vermittelt werden, die noch nicht in die Geschichte eingeführt wurden (aber so behandelt werden). „Noch nicht im Redeuniversum etabliert“ ist ein noch eindrucksvolleres Bild.

Vorannahmen im Alltag

Hier erstmal ein noch harmloses Beispiel: „Mein Bruder Hans mag auch Pizza.“

Jeder versteht diesen Satz natürlich vollkommen automatisch und erschließt sich auch den Kontext von ganz alleine. Aber der Sinn dieser einfachen Aussage setzt bereits folgende Annahmen voraus, die ich zuvor nicht ausdrücklich erwähnt habe:

  • Ich habe einen Bruder
  • Mein Bruder heißt Hans
  • Hans mag Pizza
  • Noch jemand mag Pizza

Um das Sprachmuster der Präsupposition zu vermeiden, müsste man es zum Beispiel so formulieren: „Ich mag Pizza und habe einen Bruder namens Hans, der ebenfalls gerne Pizza mag.“

Auch Märchen beispielsweise führen Personen oder Situationen als erstes ein mit der bekannten Phrase „es war einmal“.

Wir sind es im für uns alltäglichen Sprachgebrauch von Kindheit an gewohnt und sind geübt darin, uns diese Voraussetzungen selber zu erschließen. Selbstverständlich ist dies jedoch nicht. Würden wir unsere Aussagen immer frei von diesem Sprachmuster halten, könnte uns eine plötzlich auftretende Präsupposition zum Stutzen und Nachdenken bringen.

Einen hypnotischen Zustand erzeugen

Auch wenn unser erstes Beispiel noch keine großen Denkleistungen erfordert: Tatsächlich gehen wir für die Erschließung des Kontextes – wenn auch nur kurz und nur ein kleines Stück weit – in uns und erforschen, wie dieser Satz größtmöglichen Sinn ergibt. Dies ist der hypnotische Mechanismus dieses Sprachmusters, der dabei zum Einsatz kommt. In der Terminologie der Hypnose spricht man von einer transderivationalen Suche oder einem transderivationalen Prozess, innerlich die Tiefenstruktur des Gesagten zu erkunden.

Von dem berühmten Hypnosetherapeuten Milton Erickson stammt der Satz „In diesem besonderen Zustand werden deine Gefühle, Gedanken und Erinnerungen jetzt wichtiger für Dich.“ Er spricht hier eine besondere Befindlichkeit an, die er vorher nicht erwähnt hat. Es bleibt dem Hörer überlassen, sich den Sinn zu erschließen, um was für eine Art von Verfassung es hier möglicherweise geht. So geht er durch diese Aussage noch etwas tiefer in den hypnotischen Zustand, von dem hier wohl die Rede ist.

Die Gefahr der Vorannahmen

Wir neigen dazu, geschickt formulierte Vorannahmen nicht in Frage zu stellen, weil ansonsten der Sinn der Aussage an sich in Frage gestellt wäre. Dies würde einen höheren Aufwand für unser Gehirn bedeuten, also tendiert es dazu, diese Annahmen als gegeben hinzunehmen.

Die Frage „Warst Du wieder böse?“ setzt voraus, dass die angesprochene Person schon einmal böse war. „Warum schlagen Sie auf wehrlose Leute ein?“ setzt voraus, dass die Person auf andere Leute einschlägt.

Die Verneinung und ihre Falle

„Hast Du die Katze auf dem Dach gesehen?“

Vielleicht nicht, aber es besteht auch erstmal kein Grund dazu, die Existenz der Katze oder ihr Vorhandensein auf dem Dach in Frage zu stellen.

Die Aussage „Ihre gereizte Haut ist empfindlich“, die in einer Werbung für ein Pflegeprodukt eingesetzt wurde, setzt die Präsupposition geschickt ein – denn es gibt zwei Möglichkeiten diesen Satz zumindest teilweise als wahr zu akzeptieren: Entweder man stimmt der Aussage uneingeschränkt zu oder nimmt sie zumindest unverändert hin. Dann passiert die Suggestion mehr oder weniger widerstandslos unseren kritischen Verstand. Aber selbst, wenn wir den Satz verneinen, haben wir uns womöglich ein Stück weit auf die Aussage eingelassen. Denn die einfache Negation der Aussage bedingt die Annahme des Sinnzusammenhangs.

Und wie würde die Antwort mit einer einfachen Negation klingen? „Nein, meine gereizte Haut ist nicht empfindlich.“ Übrig bleibt jedoch die Information, dass unsere Haut zumindest gereizt wäre. Durch diese in der Vorannahme getroffene Aussage kann ein Fenster für das Bedürfnis nach dem Pflegeprodukt offen bleiben. Beim nächsten Einkauf denken wir dann vielleicht „Ich habe zwar keine empfindliche Haut, aber es kann ja nicht schaden, dieses Produkt einmal auszuprobieren.“, ausgelöst durch den Gedanken, vielleicht doch eine leicht gereizte Haut zu haben.

„Diese gefährlichen Gedanken weisen einen Denkfehler auf.“

Dies könnte eine politische Aussage sein, sie passt aber auch in anderen Kontexten. Sie könnte zum Beispiel dazu benutzt werden, unerwünschtes kritisches Denken und unbequemes Hinterfragen zu unterbinden.

Wenn tatsächlich ein Denkfehler aufgezeigt werden kann, und sei er noch so unbedeutend, so ist es für den Hörer oder Leser dieses Satzes durchaus plausibel, dass die erwähnten Gedanken vielleicht tatsächlich auch gefährlich sind. Doch auch, wenn sie keinen Denkfehler aufweisen, bleibt die Etikettierung der Gefährlichkeit bestehen, sofern diese nicht ebenfalls hinterfragt wird.

Andere spannende und überdenkenswerte Präsuppositionen (Vorannahmen in Klammern):

Ich freue mich über dein Interesse. (Du hast Interesse.)

Ich bedauere deine missliche Lage. (Du bist in einer misslichen Lage.)

Dein Problem ist nicht dein Bildungsgrad. (Du hast ein Problem.)

Jeder weiß, dass das Gehirn ab 30 wieder abbaut. (Nicht nur, dass behauptet wird, dass das Gehirn ab 30 zwangsläufig wieder abbaut, die Aussage wird auch noch scheinbar dadurch unterstützt, dass es angeblich jeder weiß.)

Wir haben die Spitzenposition anderen überlassen. (Wir waren auf der Spitzenposition oder hätten die Möglichkeit gehabt, sie zu erreichen.)

Wir haben andere Prioritäten als Macht und Geld. (Andere priorisieren jedoch Macht und Geld.)

Ich habe damit aufgehört, es allen Recht machen zu wollen. (Ich wollte es früher allen Recht machen.)

Werde Dir bewusst

Nimm Dir einmal die Zeit, Werbung aus TV und Radio, politische Sendungen und Reden oder die Texte aus Zeitungen und Zeitschriften auf Präsuppositionen hin zu untersuchen. Erforsche, in wie weit man dort mit nicht weiter begründeten oder erklärten Vorannahmen versucht, deine Meinung, dein Weltbild und dein Konsumverhalten zu beeinflussen oder bestimmte Handlungen zu rechtfertigen.

Überlege Dir, wo deine eigenen Glaubenssätze (und im Gespräch auch die von anderen) auf nicht bestätigten Vorannahmen basieren, die sich vielleicht nur über nicht hinterfragte Sachverhalte haben einschleichen konnten.

Überlege Dir aber auch, wie Du selbst Präsuppositionen positiv nutzen kannst, um in der Kommunikation mit Dir selbst und mit anderen verständlicher und überzeugender zu wirken.

Und es ist deine ausgezeichnete Fähigkeit dazu, die Dir dabei helfen wird…

Marten Steppat
Hypnotiseur, Coach, NLP Master Practitioner, Storyteller, Schriftsteller, Reiki-Meister

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